Warum sich die Augenhöhle nach einem Augenverlust verändern kann
Ursachen, Symptome und moderne Behandlungsmethoden
Post-Enukleations-Socketsyndrom: Warum sich die Augenhöhle nach einem Augenverlust verändern kann
Nach dem Verlust eines Auges ermöglicht eine individuell angepasste Augenprothese die Wiederherstellung eines möglichst natürlichen Erscheinungsbildes. Im Laufe der Zeit können sich jedoch die Gewebe in der Augenhöhle und die Stellung der Lider verändern. Die Prothese sitzt dann möglicherweise tiefer, das Oberlid wirkt abgesunken oder das Unterlid verliert an Halt.
Diese Veränderungen können zum Post-Enukleations-Socketsyndrom, kurz PESS, gehören. Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2022 unter Beteiligung von Marc Trester erklärt die zugrunde liegenden Vorgänge genauer und schlägt eine überarbeitete Definition vor.
Was ist das Post-Enukleations-Socketsyndrom?
PESS bezeichnet ein unterschiedlich ausgeprägtes Zusammenspiel anatomischer Veränderungen nach der operativen Entfernung des Augapfels, der sogenannten Enukleation. Betroffen sein können die Gewebe innerhalb der Augenhöhle, die Augenmuskeln, die Lider und die Position der Augenprothese.
Die Veränderungen können das Aussehen, den Halt und den Tragekomfort der Prothese beeinflussen. Nicht bei allen Betroffenen treten dieselben Merkmale auf, und ihre Ausprägung kann sich im Laufe der Zeit verändern.
Gewebeverlagerung als wesentlicher Mechanismus
Lange wurde angenommen, dass PESS hauptsächlich durch einen Schwund des Gewebes in der Augenhöhle entsteht – insbesondere durch einen Abbau des Fettgewebes.
Die in der Übersichtsarbeit ausgewerteten Untersuchungen mit Computertomografie und Magnetresonanztomografie sprechen jedoch für einen anderen wesentlichen Mechanismus: Das vorhandene Gewebe verändert seine Lage und Verteilung. In diesen Untersuchungen ließ sich kein entsprechender Schwund des orbitalen Fettgewebes nachweisen.
Vereinfacht beschrieben verlagern sich Gewebe aus dem oberen Bereich der Augenhöhle nach hinten und aus dem hinteren Bereich nach unten. Gleichzeitig können sich die verbliebenen Augenmuskeln verkürzen und zurückziehen. Dadurch verändern sich die Unterstützung der Lider und die Lage der Augenprothese.
Ein fehlendes oder zu kleines Orbitaimplantat kann diese Veränderungen begünstigen. Bei bestimmten Implantaten aus Hydroxylapatit kann zusätzlich ein Materialabbau mit Volumenverlust auftreten. Dieser Befund lässt sich nicht pauschal auf alle Implantatmaterialien übertragen.
Welche Veränderungen können auftreten?
Zu den typischen Merkmalen gehören:
- Eine vertiefte Oberlidfurche: Der Bereich zwischen Oberlid und oberem Augenhöhlenrand erscheint stärker eingesunken.
- Ein abgesunken wirkendes Oberlid: Durch eine veränderte Unterstützung kann eine sogenannte Pseudoptosis entstehen. Dabei wirkt das Lid hängend, ohne dass zwingend eine Störung des Lidhebermuskels vorliegt.
- Eine tiefer liegende Augenprothese: Die Prothese erscheint gegenüber der anderen Seite zurückgesetzt. Dies wird als Enophthalmus bezeichnet.
- Eine veränderte Prothesenstellung: Die Prothese kann nach hinten kippen, sodass ihre Blickrichtung nach oben abweicht.
- Ein verlängertes oder erschlafftes Unterlid: Eine veränderte Belastung kann den Halt der Prothese beeinträchtigen.
- Veränderte Bindehautumschlagfalten: Insbesondere eine flachere untere Umschlagfalte kann den sicheren Sitz erschweren.
Bei stärkerer Ausprägung können Lidfehlstellungen, ein unvollständiger Lidschluss oder eine instabile Prothese hinzukommen. In schweren Fällen kann das Tragen einer Augenprothese erheblich erschwert sein.
Warum kann sich der Sitz mit der Zeit verändern?
Die Übersichtsarbeit beschreibt, dass die Veränderungen besonders rasch in den ersten Monaten nach dem Augenverlust auftreten können. Später können sie sich langsamer fortsetzen.
Eine zuvor gut passende Augenprothese kann deshalb im Laufe der Zeit eine erneute Anpassung benötigen. Wenn sich das Erscheinungsbild oder der Halt verändert, sollten sowohl die Prothese als auch die anatomischen Verhältnisse betrachtet werden.
Welche Möglichkeiten der Versorgung gibt es?
Die Versorgung richtet sich nach dem individuellen Befund. Ein Orbitaimplantat ist nicht automatisch bei jeder Veränderung erforderlich. Entscheidend ist, welche Faktoren den Prothesensitz und die Lidstellung beeinflussen.
In der Augenprothetik werden zunächst die Passform, Formgebung und Stellung der Augenprothese beurteilt. Eine angepasste Prothese kann veränderte Verhältnisse teilweise ausgleichen. Ausgeprägte Veränderungen der Augenhöhle oder der Lider lassen sich jedoch nicht immer allein durch eine neue Prothese beheben.
Ob zusätzliche Maßnahmen an den Lidern, der Augenhöhle oder einem vorhandenen Implantat sinnvoll sind, beurteilen spezialisierte Augenärztinnen und Augenärzte. Die Veröffentlichung erklärt vor allem die Entstehungsmechanismen des PESS; sie untersucht keine einzelne Behandlung auf ihre Wirksamkeit.
Augenprothese und Orbitaimplantat erfüllen unterschiedliche Aufgaben: Die Augenprothese ist das herausnehmbare Hilfsmittel mit sichtbarer Iris und Pupille. Ein Orbitaimplantat wird operativ in die Augenhöhle eingesetzt und dient dem Volumenersatz. Beide müssen bei der Beurteilung klar unterschieden werden.
Unsere Begleitung im Institut Trester
Im Institut Trester fertigen und passen wir Augenprothesen aus Glas individuell an. Bei Veränderungen des Prothesensitzes prüfen wir, welche Möglichkeiten die prothetische Versorgung bietet, und beraten zum weiteren Vorgehen.
Wenn die Befunde eine ärztliche Abklärung erfordern, ist die Zusammenarbeit mit der Augenheilkunde und spezialisierten Einrichtungen für Lid- und Orbitachirurgie wichtig. Ärztliche Untersuchungen und operative Behandlungen erfolgen durch die zuständigen Fachärztinnen und Fachärzte.
Die wissenschaftliche Arbeit zeigt, wie wichtig es ist, beim PESS die Verteilung und Lage der Gewebe, die Augenmuskeln, die Lider und gegebenenfalls das Implantat gemeinsam zu betrachten. Dieses Verständnis hilft, Veränderungen genauer einzuordnen und die Versorgung auf die individuelle Situation abzustimmen.
Wissenschaftliche Quelle:
Rokohl AC, Kopecky A, Trester M, Wawer Matos PA, Pine KR, Heindl LM. Post-enucleation socket syndrome—a novel pathophysiological definition. Graefe’s Archive for Clinical and Experimental Ophthalmology. 2022;260:2427–2431.
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